Die Tatbestände im Überblick
| Tatbestand | Norm | Strafrahmen |
|---|---|---|
| Einfache Körperverletzung | § 223 StGB | bis 5 Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe |
| Gefährliche Körperverletzung | § 224 StGB | 6 Monate bis 10 Jahre |
| Schwere Körperverletzung | § 226 StGB | 1 bis 10 Jahre |
| Körperverletzung mit Todesfolge | § 227 StGB | 3 bis 15 Jahre |
| Fahrlässige Körperverletzung | § 229 StGB | bis 3 Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe |
| Misshandlung von Schutzbefohlenen | § 225 StGB | 6 Monate bis 10 Jahre |
Wann liegt gefährliche Körperverletzung vor
Der Tatbestand des § 224 StGB qualifiziert die einfache Körperverletzung durch besondere Begehungsweisen. Praktisch wichtigste Fälle:
- mit einer Waffe oder einem gefährlichen Werkzeug, auch Schlagring, Glasflasche, Schuh bei Tritten, Auto
- mit einem anderen Beteiligten gemeinschaftlich, schon zwei Täter genügen
- mittels einer das Leben gefährdenden Behandlung, z. B. Würgen, Schlag in den Halsbereich, Schubsen vom Bahnsteig
- mittels eines hinterlistigen Überfalls, plante Heimtücke gegen ein Opfer ohne Verteidigungschance
Die Mindeststrafe von sechs Monaten Freiheitsstrafe und die ausgedehnte Auslegung des Begriffs „gefährliches Werkzeug" durch die Rechtsprechung führen dazu, dass viele scheinbar einfache Auseinandersetzungen als § 224 StGB angeklagt werden, mit erheblich strengeren Folgen.
Notwehr und Notwehrexzess
Wer in einer Auseinandersetzung verletzt hat, war oft selbst zuerst angegriffen worden. § 32 StGB rechtfertigt die Verteidigung gegen einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff, soweit die gewählte Verteidigung erforderlich und geboten ist. Ein Notwehrexzess nach § 33 StGB liegt vor, wenn der Verteidiger die Grenzen der Notwehr aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken überschritten hat, dann ist die Tat schuldlos. Die Notwehrlage ist häufig die zentrale Verteidigungslinie und wird im Verfahren oft erst durch akribische Aufarbeitung, Videoauswertung, Zeugenbefragung, Spurenrekonstruktion, herausgearbeitet.
Strafantrag, Privatklage und Antragsdelikt
Einfache Körperverletzung ist ein relatives Antragsdelikt (§ 230 StGB): Sie wird nur verfolgt, wenn der Verletzte einen Strafantrag stellt, es sei denn, die Staatsanwaltschaft bejaht das besondere öffentliche Interesse. Bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung wird von Amts wegen verfolgt. Bei reiner einfacher Körperverletzung verweist die Staatsanwaltschaft den Verletzten oft auf den Privatklageweg (§ 374 StPO). Ein Sühneversuch beim Schiedsamt ist dafür Voraussetzung.
Strafzumessung und typische Folgen
Bei Ersttätern endet eine einfache Körperverletzung häufig mit Geldstrafe (60 bis 120 Tagessätzen), mit Diversion über § 153a StPO oder mit einem Täter-Opfer-Ausgleich (§ 46a StGB). Bei gefährlicher Körperverletzung sind Bewährungsstrafen die Regel, in schweren Fällen Vollzug. Bei Berufen mit Eintragungspflicht (Polizei, Justiz, Pflege, Pädagogik) kann schon eine kleine Geldstrafe gravierende Folgen haben, das erweiterte Führungszeugnis weist sie aus.
Verteidigungsstrategie
Drei Hebel dominieren die Verteidigung. Erstens die Schadenswiedergutmachung: ein zeitnah eingeleiteter Täter-Opfer-Ausgleich nach § 46a StGB führt zu erheblicher Strafmilderung oder Einstellung. Zweitens die Beweislage: Notwehrlage, Verteidigungsabsicht, Ablauf des Tatgeschehens; oft hilft die Auswertung von Handyvideos, Bahnhofs- oder Bus-Aufnahmen. Drittens die Verfahrensbeendigung: Einstellung nach § 153a StPO ist bei einfacher Körperverletzung mit Ersttätercharakter ein realistisches Ziel, aber nur, wenn die Verteidigung das von Beginn an konsequent betreibt.
FAQ
Häufige Fragen
Ist eine Ohrfeige Körperverletzung?
Ja. Jede körperliche Misshandlung, auch ohne sichtbare Verletzung, erfüllt § 223 StGB. Die Schwere fließt in die Strafzumessung ein; bei geringen Folgen ist eine Einstellung nach § 153 oder § 153a StPO möglich.
Was ist ein Täter-Opfer-Ausgleich?
Ein außergerichtlicher Ausgleich zwischen Täter und Verletztem nach § 46a StGB. Bei gelungener Wiedergutmachung, Geld, Entschuldigung, Gespräch, kann das Gericht die Strafe erheblich mildern oder von Strafe absehen. In Bagatellfällen führt der TOA häufig zur Einstellung.
Wann zählt mein Auto als gefährliches Werkzeug?
Wenn es zur Verletzung einer Person eingesetzt wird, etwa beim absichtlichen Anfahren. Dann liegt gefährliche Körperverletzung mit erheblich höherem Strafrahmen vor.
Kann ich bei Notwehr verurteilt werden?
Nur, wenn die Notwehrgrenzen überschritten wurden. Bei Notwehrexzess aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken (§ 33 StGB) entfällt die Schuld. Die Beweislage ist oft entscheidend und muss präzise rekonstruiert werden.
Was passiert, wenn ich einen Strafbefehl bekomme?
Sie haben 14 Tage Zeit für Einspruch (§ 410 StPO). Ohne Einspruch wird der Strafbefehl rechtskräftig und wirkt wie ein Urteil. Mit Einspruch findet eine Hauptverhandlung statt, Risiko und Chance zugleich. Anwaltliche Prüfung sofort.