Sexualstrafrecht

Vorwurf einer Sexualstraftat, was Sie sofort tun und lassen muessen

Was im Ermittlungsverfahren wirklich passiert

Sexualdelikte werden in Deutschland mit erheblicher Ermittlungstiefe verfolgt. Nach Anzeige werden in der Regel Polizei und Staatsanwaltschaft umgehend taetig, oft schon vor der ersten Vernehmung des Beschuldigten: Bestandsdatenabfragen, Sicherung digitaler Spuren, Befragung von Zeugen aus dem Umfeld, gegebenenfalls Antrag auf Durchsuchung. Erst danach erfolgt die Konfrontation des Beschuldigten, haeufig durch Vorladung, in besonders schweren Faellen durch vorlaeufige Festnahme nach § 127 StPO.

Untersuchungshaft, das reale Risiko

Der Haftgrund der Verdunkelungsgefahr (§ 112 II Nr. 3 StPO) wiegt im Sexualstrafrecht besonders schwer. Schon der Versuch, mit der mutmasslichen Geschaedigten oder mit Zeugen Kontakt aufzunehmen, kann fuer einen Haftbefehl ausreichen, auch ueber Dritte, auch ueber Anwaelte der Gegenseite. Bei Vorwuerfen nach § 177 II oder § 176a StGB kommt zusaetzlich die Schwere der Tat als Haftgrund in Betracht. Wer einen Brief schreibt, eine Sprachnachricht sendet oder Freunde bittet, etwas zu klaeren, riskiert U-Haft.

Die haeufigsten Vorwuerfe

TatbestandNormStrafrahmen
Sexueller Uebergriff§ 177 I StGBFreiheitsstrafe bis 5 Jahre
Sexuelle Noetigung, Vergewaltigung§ 177 V, VI StGBFreiheitsstrafe nicht unter 2 bzw. 5 Jahren
Sexueller Missbrauch von Kindern§ 176 StGBFreiheitsstrafe 1 bis 15 Jahre
Verbreitung kinderpornographischer Inhalte§ 184b StGBFreiheitsstrafe 1 bis 10 Jahre

Was Sie nicht tun duerfen

  • Keine Aussage bei Polizei oder Staatsanwaltschaft, weder schriftlich noch muendlich, ohne Akteneinsicht durch den Verteidiger.
  • Kein Kontakt zur Anzeigeerstatterin, weder direkt noch ueber Familie, Freunde oder soziale Medien.
  • Keine Erklaerungen im beruflichen oder privaten Umfeld; jede Aeusserung kann spaeter als Beweis dienen.
  • Keine Loeschung von Daten auf Handy, PC, Cloud; das ist strafbar nach § 274 StGB und gilt als Verdunkelung.
  • Keine Posts, keine Stories, keine WhatsApp-Statusmeldungen zur Sache.

Die Verteidigungsstrategie der ersten Tage

Ein erfahrener Strafverteidiger meldet sich gegenueber Polizei und Staatsanwaltschaft an, beantragt Akteneinsicht und vereinbart, dass alle weiteren Schritte ueber ihn laufen. Erst nach vollstaendiger Akteneinsicht laesst sich entscheiden, ob eine schriftliche Einlassung sinnvoll ist, ob aussagepsychologisch fragwuerdige Belastungen vorliegen, ob ein eigenes Glaubhaftigkeitsgutachten beantragt wird und in welcher Phase verhandelt wird. Wer sich vorher aeussert, verbaut sich genau diese Optionen.

Verfahrensausgang, realistische Szenarien

Sexualstrafverfahren enden nicht selten mit Einstellung nach § 170 II StPO, wenn die Beweislage Aussage gegen Aussage ist und kein objektives Indiz die Belastung stuetzt. Andere Verfahren werden nach § 153 oder § 153a StPO eingestellt, manche enden mit Bewaehrung, schwere Vorwuerfe enden mit Freiheitsstrafe ohne Bewaehrung. Welcher Weg moeglich ist, haengt fast immer von der Verteidigungsfuehrung in den ersten Wochen ab.


FAQ

Häufige Fragen

Soll ich der Polizei wenigstens kurz schildern, was wirklich passiert ist?

Nein. Im Sexualstrafrecht entscheidet die schriftliche Aktenlage. Eine fruehe muendliche Schilderung steht spaeter wortgleich gegen Sie im Protokoll, ohne dass Sie die Belastungsaussage kennen. Schweigen, Akteneinsicht abwarten.

Darf ich mit der Anzeigeerstatterin sprechen, um das Missverstaendnis aufzuklaeren?

Nein. Jeder Kontaktversuch, auch ueber Freunde, ist Verdunkelung und fuehrt regelmaessig zu Untersuchungshaft (§ 112 II Nr. 3 StPO).

Mein Arbeitgeber fragt nach, was sage ich?

Keine Details, keine Schilderung des Vorwurfs. Verweisen Sie auf laufende Ermittlungen und Ihren Anwalt. Eine Beurteilung der dienstrechtlichen Folgen gehoert in die Hand Ihres Verteidigers, nicht in ein Personalgespraech.

Wird mein Name oeffentlich bekannt?

Im Ermittlungsverfahren grundsaetzlich nicht. Es gilt die Unschuldsvermutung, und die Staatsanwaltschaft gibt keine Identitaeten preis. Eine Ausnahme bilden Faelle mit hohem oeffentlichem Interesse, hier sichert ein anwaltlich begleitetes Pressestatement Diskretion.

Was kostet eine spezialisierte Verteidigung im Sexualstrafrecht?

Wahlverteidigerhonorare beginnen typischerweise bei 5.000 Euro fuer das Ermittlungsverfahren und steigen je nach Aktenumfang und Hauptverhandlungsdauer. Die Pflichtverteidigerbeiordnung ist nach § 140 StPO regelmaessig moeglich; die Wahl eines Verteidigers Ihres Vertrauens ist nach § 142 StPO geschuetzt.

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