Aussage gegen Aussage, das Glaubhaftigkeitsgutachten als Schluesselbeweis
Wann ein Gutachten erforderlich ist
Die Glaubhaftigkeit einer Zeugenaussage zu beurteilen ist grundsaetzlich Aufgabe des Gerichts. Ein Sachverstaendigengutachten ist nur dann geboten, wenn der Richter aus eigener Sachkunde die Glaubhaftigkeit nicht zuverlaessig beurteilen kann (BGH NStZ 2006, 110). Typische Fallgruppen sind: Aussage gegen Aussage ohne objektive Stuetze, Verdacht der Suggestion, sehr junge oder besonders vulnerable Zeugen, lange Latenz zwischen Tatzeit und Erstaussage, ungewoehnliche Aussagegenese.
Methodik nach BGHSt 45, 164
Die wissenschaftliche Pruefung folgt der Nullhypothese: Der Sachverstaendige geht zunaechst davon aus, dass die Aussage nicht erlebnisbasiert ist, und prueft systematisch, ob diese Hypothese aufrechterhalten werden kann. Dabei werden Realkennzeichen (z. B. Detailreichtum, raum-zeitliche Verknuepfung, ungewoehnliche Details) gegen Alternativhypothesen (Luege, Suggestion, Phantasie, Konfabulation) abgewogen. Eine seriose Aussageanalyse erfordert Aufnahmen der Originalaussage und mehrere Termine mit dem Zeugen.
Wer das Gutachten einholt
| Akteur | Norm | Praktische Bedeutung |
|---|---|---|
| Gericht von Amts wegen | § 244 II StPO | Aufklaerungspflicht |
| Staatsanwaltschaft im Ermittlungsverfahren | § 161a StPO | selten, meistens erst in der Hauptverhandlung |
| Verteidigung als Beweisantrag | § 244 III StPO | kann nur mit hohen Huerden abgelehnt werden |
| Nebenklage | § 397 I StPO | eigenes Beweisantragsrecht |
Kein Gefaelligkeitsgutachten
Ein aussagepsychologisches Gutachten ist kein Wahrheitsdetektor. Es bestaetigt nicht, dass die Tat stattgefunden hat, sondern prueft, ob die Aussage erlebnisbasiert sein kann. Auch ein methodisch sauberes Gutachten kann zu dem Schluss kommen, dass die Datenlage fuer eine valide Beurteilung nicht ausreicht, ein wichtiger Befund, der die Beweislage zugunsten des Angeklagten veraendert.
Strategie der Verteidigung
- Aussagegenese in der Akte rekonstruieren: Erstgespraech, Mitschrift, Befragung durch Bekannte, polizeiliche Erstaussage.
- Aenderungen und Erweiterungen der Aussage ueber die Zeit kartieren, jede Verschiebung ist relevant.
- Suggestionsfaktoren pruefen: wer hat wann mit dem Zeugen gesprochen, war psychologische oder therapeutische Begleitung beteiligt.
- Antrag auf Gutachten rechtzeitig stellen, am besten schon im Zwischenverfahren, mit konkreter Begruendung warum eigene Sachkunde des Gerichts nicht reicht.
- Privatgutachten einholen, wenn das Gericht das beantragte Gutachten ablehnt; ein methodisch fundiertes Privatgutachten zwingt das Gericht zur Auseinandersetzung.
Grenzen und Kritik
Die aussagepsychologische Methodik ist anerkannt, aber nicht unumstritten. Insbesondere die Anwendung auf erwachsene Zeugen mit normaler kognitiver Faehigkeit wird kritisch diskutiert. Bei Erwachsenen wird ein Gutachten haeufig versagt, wenn keine besonderen Anhaltspunkte fuer eingeschraenkte Aussagetuechtigkeit oder Suggestion vorliegen. Hier muss die Verteidigung in der Hauptverhandlung argumentieren statt zu erwarten, dass ein Sachverstaendiger die Beweiswuerdigung uebernimmt.
FAQ
Häufige Fragen
Kann ich ein Gutachten erzwingen?
Nicht erzwingen, aber beantragen. Die Ablehnung des Beweisantrags muss begruendet werden und ist revisibel; gerade in Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen ist die Ablehnung oft fehleranfaellig.
Wie lange dauert ein Gutachten?
Drei bis sechs Monate, abhaengig von Auslastung und Komplexitaet. Die Hauptverhandlung wird in der Regel ausgesetzt oder unterbrochen.
Was kostet ein Gutachten?
Bei gerichtlicher Anordnung traegt die Staatskasse die Kosten. Privatgutachten kosten 5.000 bis 15.000 Euro, Erstattung im Erfolgsfall ueber § 472 StPO ist im Einzelfall moeglich.
Darf der Zeuge die Begutachtung verweigern?
Ja, die Mitwirkung ist freiwillig. Verweigert der Zeuge, fliesst das in die Beweiswuerdigung des Gerichts ein.
Hilft das Gutachten der Verteidigung immer?
Nein. Ein Gutachten, das die Aussage als erlebnisbasiert bestaetigt, verstaerkt die Beweislage gegen den Angeklagten. Die Beantragung ist eine strategische Entscheidung, die der erfahrene Verteidiger sorgfaeltig abwaegt.
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